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    Yonaguni - antike Ruine oder Felsklotz?
von Wolf Wichmann
   
Noch immer ist die mysteriöse Formation vor der japanischen Insel Yonaguni ein Medienthema. Die Expertenmeinungen über den Ursprung dieser Formation gehen weit auseinander. Auf der Suche nach lohnenden Exkursionszielen für seine Kunden stieß Kihachiro Aratake, Besitzer und Betreiber einer Tauchbasis auf Yonaguni, vor 18 Jahren auf eine merkwürdige Formation unter Wasser. Ein Felsklotz mit einer Oberfläche von etwa 50 mal 20 Metern ragte vor der felsigen Südküste der Insel aus einer Tiefe von rund 25 Metern bis an knapp unter die Wasseroberfläche empor. Er zeigte eine erstaunliche Vielfalt scheinbar unnatürlich gerader Kanten, Treppenstufen und Linienmuster. Andere Formelemente wie leicht geneigte, glatte Plateaus, straßenartig verlaufende Terassen und von senkrechten Wänden eingefasste Kanäle setzten den Taucher in ehrfürchtiges Erstaunen. Schon kurze Zeit nach dieser Entdeckung berichteten die wichtigsten Zeitungen Japans über eine archäologische Sensation.

 © Karl Vandenhole
Seither sorgt das "Yonaguni-Monument" am Hiseki-Point für kontroverse Debatten - nicht nur in den nationalen japanischen Medien, sondern mittlerweile auch unter Geowissenschaftlern, Historikern und in Esoterik-Zirkeln weltweit. Dabei geht es um die Frage, ob die teilweise terassierte, rechteckige Formation das Relikt einer technologisch, kulturell und sozial hoch entwickelten frühen menschlichen Gesellschaft oder schlicht das Ergebnis der natürlichen Erosionsprozesse ist, die vor Ort seit Jahrtausenden ablaufen.

Schon sehr früh schien - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - die Entscheidung hierüber gefallen zu sein. Die Forschungsergebnisse von Masaaki Kimura, Professor für marine Geologie und Geophysik an der "Ryukyus-Universität" in Naha, der Hauptstadt Okinawas, scheint für große Teile der Öffentlichkeit bereits jetzt zu belegen: Das Yonaguni-Monument ist ein Beweis für die Existenz einer hoch entwickelten Zivilisation, die vor rund 8.000 Jahren im asiatischen Raum ihre Blütezeit hatte. Häufig ist in diesem Zusammenhang auch von dem pazifischen Zwillingskontinent des sagenhaften Atlantis, Lemurien oder kurz Mu die Rede, von dem aus die Keime hochstehender Technologie und Kultur in die umliegenden Länder getragen worden sind. In der Tat scheinen einige der sorgfältig gesammelten Indizien eine gezielte Be- oder Überarbeitung der aus anstehendem Sandstein bestehenden Struktur nahe zu legen. Zu den zahlreichen Besuchern der Formation gehörten Journalisten, namhafte Buchautoren und auch einige Geowissenschaftler.

   
  Der englische Bestseller Autor Graham Hancock und seine Frau Santha Faiia dokumentierten im Verlaufe ihrer häufigen Besuche vor Ort zahlreiche Muster der Formation und diskutierten deren Herkunft in TV-Beiträgen und Büchern. Unzählige Berichte in internationalen Print- und TV- Medien beschäftigen sich seither mit dem Mysterium von Yonaguni, auf zahllosen Internet-Seiten gibt es Kommentare und Stellungnahmen mit zum Teil gewagten Hypothesen. In der überwiegenden Mehrzahl der Beiträge akzeptieren die Autoren oft leichtgläubig die Hypothese von der untergegangenen Hochkultur als Schöpferin dieser Struktur.

© Karl Vandenhole
Nur wenige Stimmen finden sich, die versuchen, sachlich-analytisch an das Thema des Felsens am Hiseki-Point heran zu gehen. Der Bostoner Professor für Geologie Robert Schoch ist einer von ihnen. Er besuchte die Formation 1997 zusammen mit Graham Hancock und kam zu dem vorläufigen Schluss, dass es unter den dort herrschenden Bedingungen auch allein durch die formenden Kräfte der Natur zu einer derartigen Formbildung kommen kann.

Schon bei meinem ersten Aufenthalt auf Yonaguni als wissenschaftlicher Berater für ein SPIEGEL-TV Team 1999 bin ich, ohne von Schochs Beurteilung zu wissen, zu demselben Ergebnis gekommen. Zwei Jahre später bei den Dreharbeiten zu Graham Hancocks TV-Serie "Underworld- Flooded Kingdoms of the Ice Age" 2001 (deutsch: ZDF- Expedition am 17.10.2002, "Jäger verlorener Schätze- Königreiche der Eiszeit") wurde mein erster Eindruck durch zusätzliche Beobachtungen noch bestätigt.

 
 
 © Karl Vandenhole
Die bisher vorgelegten Indizien bieten ein weites Feld für Interpretationen, allerdings beweisen sie wenig. Die Beobachtung der natürlichen Prozesse durch die Kräfte von Wellen und Brandung bei der Ausformung der Kliffküste auf Yonaguni tragen viel zum Verständnis der lokalen Morphologie bei. Die Felsformation des Yonaguni-Monumentes liegt in etwa 50 Meter Entfernung vor dem Hiseki Point an der Südküste der Insel im Meer. Etwa fünfzig Meter erstreckt sich der Fels von Ost nach West, rund zwanzig Meter von Nord nach Süd. Die Struktur ist auch heute noch den Kräften von Wind, Wellen und Brandung ausgesetzt, da sie mit ihrem obersten Plateau bis dicht unter die Wasseroberfläche reicht.

 
  Die Steilküste der Insel gehört, ebenso wie das Monument selbst, zur so genannten Yaeyama-Gruppe. Diese Schichtabfolge aus mittel- bis feinstkörnigem Sandstein ist vor rund zwanzig Millionen Jahren - während des so genannten Unteren Miozäns - abgelagert worden. Sie ist seither in dieser Region mehrfach vom Meer überflutet worden. Zahlreiche Erdbeben haben das Gestein innerlich zerklüftet, starke Brandung und hohe Wellen die frei liegende Bereiche abgetragen. Die südliche, also zum Meer hin exponierte Flanke ist morphologisch stark zergliedert. Scharfkantige Stufen mit senkrecht abfallenden Wänden zwischen einem halben und bis zu mehreren Metern Höhe vermitteln den Eindruck, als habe jemand mit einer Säge große Stücke aus der Wand geschnitten.

 
  Bei genauerem Hinsehen, und im Vergleich mit den noch heute ablaufenden Erosionsprozessen
© Karl Vandenhole
an der nahe gelegenen Kliffküste kann man jedoch leicht feststellen, dass die Formen sich problemlos in Anlehnung an die natürlich angelegten Grundmuster im Gestein gebildet haben können. Die Terassenflächen und -wände verlaufen sämtlich entlang der vorgegebenen Schwächezonen im Felsen: den Schichtfugen der Sedimentgesteins und dem senkrecht zu diesen verlaufenden Klüftungsnetz. Auch alle anderen beobachteten Formen entsprechen dem Erosionsmuster, welches die an dieser Lokalität wirksamen Kräfte auslösen. So gibt es Brandungsgassen, Strudellöcher im scheinbar massiven Gestein, sekundär ausgehärtete Krustenüberzüge, sowie Löcher, die von Seeigeln und Bohrmuscheln in den Fels gefräst worden sind. Alle diese Formen sind leicht als natürlich entstanden deutbar. Viel schwieriger ist die Beweisführung für einen künstlichen Ursprung einzelner Muster wie auch der gesamten Formation. Nur allzu leicht gewinnen Spekulation und Wunschdenken die Oberhand über klare Analyse und Interpretation.