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Aus der Forschung
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    Renaissance der Waljagd?
von Wolf Wichmann
   
Island und Japan wollen den Walfang eröffnen. "Wissenschaft" heißt das Zauberwort, mit dem sich manche Türen öffnen lassen. Die Regeln der IWC erlauben Walfang nur zu "wissenschaftlichen" Zwecken.
   
 
Seit Jahren bereits nutzen Japan, Island und auch Norwegen diese Lücke in
Riesenmuschel
den Bestimmungen, um Walfang auf kommerzieller Basis zu betreiben. Nun scheint es wieder einmal soweit zu sein: Anfang April ging bei der Internationalen Walfang Commission (IWC) in Cambridge der Antrag Islands ein, im Laufe der nächsten zwei Jahre insgesamt 500 Wale jagen zu dürfen.

Der Antrag wird vom vom Institut für Meeresforschung in Reyjkjavik mit "wissenschaftlicher Forschung begründet". Erforscht werden soll - einmal mehr - der Einfluss der Wale auf andere marine Spezies, auch auf solche, die für den Fischfang interessant sind. Zu diesem Zweck sollen zunächst in den kommenden zwei Jahren jeweils 100 Finnwale, 50 Seiwale und 100 Zwergwale aus der Nordmeerpopulation getötet werden. Finnwale erreichen im Nordatlantik eine Länge von bis zu 21 Metern. Zusammen mit den Seiwalen stehen sie auf der IUCN- Liste der bedrohten Arten.

Nicht nur die Umweltschützer, sondern auch Politik und Wissenschaft wissen aber schon lange: Der Zusammenbruch der kommerziellen Fischbestände ist allein auf den massiven Druck der in industriellem Maßstab betriebenen Fischerei zurückzuführen - und keineswegs auf den Appetit der Wale. Seit Jahrzehnten werden die Weltmeere rücksichtslos leer gefischt. Ansätze für ein effektives Fischereimanagement kommen zu spät oder werden aus vordergründigen Interessen von nationalen Fischereilobbyisten hintertrieben. Islands Adresse an die IWC sollte vertraulich sein. Steht der atlantische Inselstaat doch schon seit Jahren im Kreuzfeuer schwerster Kritik und zu früh wollte man keine Proteste riskieren. Nicht nur Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, der WWF, IFAW und andere mehr, auch die übrigen Staaten der IWC setzen sich für die endgültige Einstellung des Walfangs ein.

Doch etwas ist durchgedrungen in die Öffentlichkeit von Islands Walfang-Plänen: "Morgunbladid", die renommierte, in Reykjavik erscheinende Tageszeitung selbst war es, die Einzelheiten ans Licht brachte. Die Reaktionen sind überraschend, denn diesmal regt sich der Widerstand auch im eigenen Land. Dass Umweltschützer auf die Barrikaden steigen, sobald den Walen Ungemach droht, ist nicht neu. Unvergessen sind die "Schlachten" die sich Greenpeace-Schlauchboote und isländische Marine im Nordmeer geliefert haben und auch norwegische Küstenwachtboote haben schon mal mit rüden Attacken gegen Umweltschützer Schlagzeilen gemacht. Doch heute scheint alles noch komplizierter geworden. Im eigenen Land fühlte sich die Walfanglobby bisher auf der sicheren Seite. Galt es doch als Zeichen nationaler Gesinnung sowohl in Island und Norwegen, als auch Japan, sich nicht dem Druck vermeintlicher "Umweltterroristen" zu beugen, sich eben nicht vom "Ausland" vorschreiben zu lassen, was gut und richtig ist. Starrsinn wider die Einsicht in ökologische Notwendigkeiten - wie oft sind schon und werden auch heute noch Chancen verpasst, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Doch diesmal sind die wirtschaftlichen Interessen anderer bedroht: die isländische Tourismuswirtschaft hat in den letzten Jahren erfolgreich zahlreiche Whale Watching Aktivitäten um den Inselstaat herum etabliert. Nun fürchtet der Tourismusverband um den guten Ruf der Nation und infolgedessen auch um Umsatzrückgänge im Tourismusgeschäft. Auf seiner Jahresversammlung bekräftigte der Verbandssprecher daher jüngst seine ablehnende Haltung zur Wiederaufnahme des Walfangs durch isländische Boote.

In der Tat steht hier einiges auf dem Spiel: die Whale Watching Angebote rund um Island haben sich in den letzten Jahren zu einem wahren Renner entwickelt. Wollten 1995 erst 2.200 Touristen Blau-, Finn-, Sei-, Buckel- oder Zwergwale vom Schiff aus sehen, so sind es im Jahre 2002 schon 62.650 - Tendenz steigend. Allein diese Angebote brachten der Tourismusbranche etwa 15 Millionen Euro ein. Der Verband befürchtet jetzt einen immensen Verlust an Image und Euros, sollte Island den Walfang gegen die im Rahmen der IWC geltenden internationalen Vereinbarungen wieder aufnehmen. Verbandssprecher bezeichnete derartige Pläne des Fischereiministeriums in Reykjavik denn auch rund heraus und in bisher einmaliger Deutlichkeit als "einen Akt der Piraterie".

Auch die japanischen Walfangflotten dezimieren den Bestand an Großwalen vornehmlich in den Gewässern um die Antarktis. Gerade vor kurzem ist die Flotte wieder mit 440 toten Zwergwalen aus dem Schutzgebiet um den Südpol heim gekehrt.

Seit 1989 tötet Japan jedes Jahr allein bis zu 900 Zwergwale der Südmeer-Population unter dem bekannt fadenscheinigen Deckmantel "wissenschaftlicher Forschung", deren Programme von der Walfangindustrie finanziert werden. Die japanischen Forschungsziele stimmen mit den isländischen überein. Auch hier dient der "wissenschaftliche Walfang" in erster Linie dazu, herauszufinden, wovon sich der Wal - welcher auch immer - ernährt. Dass alle wissenschaftlich relevanten Daten über Wale gesammelt werden können, ohne dass auch nur ein einziges Exemplar getötet werden muss, wissen sowohl Isländer wie auch Japaner. Die Welt wartet noch heute auf die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die im Laufe der Jahrzehnte langen Walschlacht eigentlich hätten gewonnen werden müssen. Bisher vergeblich.

Neue Erkenntnisse als Ergebnis dieser Forschungen sind noch nie vorgelegt worden. In der Tat besteht eigentlich auch gar kein Grund, Daten über das Fressverhalten beispielsweise von Zwergwalen aus der Antarktis zu sammeln. Es ist bekannt, dass sie sich von Krill ernähren, und zwar nur von Krill und von nichts anderem. Das hat sich seit Jahren nicht geändert und das wird sich vermutlich auch in der nächsten Zeit nicht ändern. Es ist daher auch nicht wirklich überraschend, dass japanische Forscher immer und immer wieder nur Krill in den Mägen der Zwergwale finden. Bis heute haben sie rund 6.000 aufgeschnitten - und nur Krill gefunden.

Anfang April hat eine Flotte von sechs Walfangschiffen einen japanischen Hafen verlassen, um in den nordöstliche Küstengewässern des Archipels 50 Zwergwale zu erledigen. Insgesamt wollen die Fänger vierzig Tage auf See sein. Ab Mai soll dieselbe Flotte dann für einen drei monatigen Törn in den im östlichen Nordpazifik aufbrechen, um dort 100 Zwergwale, 50 Brydewale, 50 Seiwale und 10 Pottwale zu fangen. Pro Jahr gelangen rund 2.000 Tonnen Walfleisch auf die Tische japanischer Feinschmecker. Das ist ein lukratives Geschäft, das sich Island - auch ungeachtet etwaiger internationaler Proteste - nicht entgehen lassen will. So ist denn auch, wie der isländische Fischereiminister Ari Matthiesen offen zugibt, Japans Bedarf an Produkten aus dem isländischen Walfang der Hauptgrund für Islands Bemühungen, sich die Jagderlaubnis der IWC wieder einzuholen. Zwar wird Walfleisch auch in Island selbst verzehrt, wo es schon seit jeher als Beifang aus der Fischerei deklariert angeboten wird. Jedoch ist die Nachfrage am isländische Binnenmarkt insgesamt viel zu gering, um das Fleisch von 250 Großwalen aufzunehmen.

Trotz jahrzehntelanger Bemühungen, die Großwale weltweit zu schützen, stehen heute noch sieben der insgesamt 13 Arten auf der Gefährdungsliste der IUCN. Nach den jüngsten Bestandsschätzungen der Internationalen Walfang Kommission für den gesamte Nordatlantik leben dort mittlerweile zwischen 27.7000 und 82.000 Finnwale. Für den zentralen Bereich des Nordatlantik liegen die Populationszahlen bei 6.100 Seiwalen und zwischen 21.600 bis 31.400 Zwergwalen. Genug, um sich einige davon zu holen, wie Islands Walfänger meinen. Dummerweise braucht Island aber nicht nur die Zustimmung der IWC für die Waljagd. Auch der Handel mit dem Fleisch von Zwergwalen ist nach dem "Washingtoner Artenschutz Abkommen" (WAA, CITES), dem auch Island beigetreten ist, nicht erlaubt. Der Inselstaat weigert sich jedoch, das Verbot anzuerkennen und muss auch hier mit Ungemach seitens der internationalen Staatengemeinschaft rechnen, sollte das Fleisch der erlegten Tiere auf Japans Markt gelangen.

Dabei kann die Politik Islands und Japans noch als vergleichsweise verständig bewertet werden. Beide Länder halten sich wenigstens formal an internationale Absprachen, wenn sie die Lücke in den IWC Regulationen ausnutzen und wissenschaftlichen Forschungsdrang vortäuschen. Norwegen hingegen mißachtet offen internationale Abkommen. Trotz des seit 1986 bestehenden Walfangmoratoriums, schlachten die norwegischen Fänger in den Gewässern des Nordatlantiks unbeeindruckt die grossen Meeressäuger ab. Und es gibt grosse Pläne für die Zukunft: gemeinsam mit Japan möchte Norwegen in den nächsten Jahren den Markt für Walfleisch wieder öffnen und dann verstärkt auf die Pirsch gehen.

Source: WWF ens GREENPEACE IFAW Spiegel