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    Die Lederschildkröte: - wieder eine Art vor dem AUS
von Wolf Wichmann
   
Die größte der noch lebenden Meeresschildkrötenarten steht trotz anhaltender Schutzmaßnahmen am Rande des Artentods. Wie viele Meeressäuger auch steht sie damit als Synonym für den Niedergang der Artenvielfalt im Ozean.
   
 
Ihr mächtiger Panzer hat die "Königin der Meeresschildkröten", die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea), über Jahrmillionen hinweg vor Feinden und anderen Unbillen globaler Veränderungen beschützt. Doch der Vielfalt zerstörerischer Kräfte, die Homo Sapiens - der "Verständige Mensch" - im Laufe der letzten Jahrzehnte entfesselt hat, auch er nichts entgegen zu setzen.

Auf der 24. Jahrestagung zum Schutz und zur Biologie von Meeresschildkröten Ende Januar in San José, Costa Rica, zog die International Seaturtle Society (http://www.seaturtle.org) zum wiederholten Male eine erschreckende Bilanz:

Demnach ist die Zahl der Lederschildkröten allein im Pazifik zwischen 1982 und heute von 115.000 auf weniger als 3.000 Tiere zurück gegangen.

Damit, so Roderic Mast, Vorsitzender der Seaturtle Society, ist auch diese Art akut vom Aussterben bedroht. Nach Untersuchungen einer Forschergruppe der US amerikanischen Duke University liegen die Hauptursachen für diesen dramatischen Verlust in der gezielten Wilderei an den Niststränden und zum anderen in der Langleinenfischerei auf hoher See.

Verschlucken die Tiere einen der bis zu hundert Köder entlang der manchmal 60 Kilometer langen Schnüre, werden sie in die Tiefe gezogen und ertrinken jämmerlich. Allein im Jahr 2000 sind auf diese Weise etwa 50.000 Lederschildkröten weltweit als "Beifang" verendet

Schon vor der Konferenz waren Expertenschätzungen veröffentlicht worden, nach denen rund ein Drittel aller Meeresschildkröten überhaupt, also etwa jedes dritte Tier, sein Leben am Haken einer Langleinenangel oder in den Maschen eines Fischernetzes beendet.

In europäischen Gewässern fallen viele der Meeresreptilien Zusammenstößen mit Schiffen und dem mittlerweile tonnenweise im Meer treibenden Plastikmüll zum Opfer. Lederschildkröten besitzen spezielle, nach innen ausgerichtete, dornige Fortsätze in ihrem Hals.

Damit können sie ihre Hauptbeute, große Quallen, besser festhalten und schlucken. Die Dornen verhindern allerdings auch, dass versehentlich "aufgeschnappte" Plastiktüten wieder ausgespuckt werden können. Viele Tiere ersticken daran.

Untersuchungen belegen, dass fast die Hälfte aller tot aufgefundenen Lederschildkröten Kunststoffteile im Magen- Darmtrakt haben.

Neben den Todesfallen der offenen See bedrohen besonders Wilderer an Land das Überleben der Meeresschildkröte. In Mexiko wurden vor kurzem erst über 500 Leder- und Bastardschildkröten (Lepidochelys olivacea) brutal massakriert.

Mit Macheten und Knüppeln hatte sie eine Wildererbande am Pazifikstrand bei Petatlán, rund 200 Kilometer nordwestlich Acapulcos, nachts bei der Eiablage getötet. Die Killer waren nicht zimperlich: ein Schildkrötenschützer wurde ermordet aufgefunden, von seiner Begleiterin fehlt bis heute jede Spur.

Während das Fleisch der bis zu 1,50 Meter langen Bastardschildkröte gern gegessen, und auch ihr Panzer verwertet wird, werden von der Lederschildkröte hauptsächlich die Eier verwendet. Roh genossen, sollen sie die Potenz steigern. Nun soll das Militär helfen, das seit 1990 geltende Jagdverbot auf Meersschildkröten in Mexico durchzusetzen

Rund hundert Millionen Jahren lang, seit Mitte der Kreidezeit lebt die Lederschildkröte fast unverändert in den Ozeanen der Erde. Sie hat das Reptilienreich der mächtigen Dinosaurier überlebt, globale Klimakatastrophen konnten ihr nichts anhaben.

Ihre Regenerationsfähigkeit ist bewundernswert. Ich habe Tiere gesehen, denen bis zu einem Drittel ihres Körpers fehlte. Vielleicht vor Jahren von einem Hai weggerissen, oder von einer Schiffsschraube zerschreddert.

Mit nur noch drei Flossen, und einem zu grotesker Form zusammengeheilten Körper haben sie im Meer überlebt. Zur Eiablage schleppten sich mühsam auf den flachen Sandstrand der Küste vor "Les Hattes" in Französisch-Guyana

Die Vagabunden des Meeres können bis zu 30 Jahre alt werden. Sie legen im Jahr eine Strecke von über 10.000 Kilometern zurück und verbringen mehr als 80 Prozent dieser Zeit tauchend - bis zu einem Maximum von 1000 Metern - unter der Wasseroberfläche.

Einzelne, mit Sendern versehene Leatherbacks legen nachweislich Entfernungen zwischen 60 und 80 Kilometern am Tag zurück. Vermutlich sind sie auf direkten Weg zu ihrem Niststrand.

Man kann die bis zu zweieinhalb Meter langen, 1,80 Meter breiten und im Mittel bis zu 600 Kilogramm schweren Einzelgänger überall zwischen etwa 50 Grad Nord und 50 Grad Süd mitten im Meer antreffen.

Auch das Mittelmeer und die Nordsee durchstreifen sie, selten verirren sie sich in die Ostsee. Zusammen mit der unechten Karettschildkröte (Caretta caretta) ist die Lederschildkröte am häufigsten von allen Meereschildkrötenarten in europäischen Gewässern anzutreffen. Ein Männchen mit 750 Kilogramm Rekordgewicht wurde 1988 vor Wales an die Küste gespült.

In einer Beziehung sind aber alle Arten von Meeresschildkröten ihrer Heimat treu verbunden: Wie die Lachse stets wieder zurück zu ihrem Heimatbach finden, so kommen auch sie an den Strand zur Eiablage zurück, an dem sie vor Jahren selbst einmal aus dem Sand geschlüpft sind.

Dabei orientieren sie sich vermutlich anfangs nach dem Erdmagnetfeld. Beim "fine tuning" folgen sie dann wohl der Nase nach den charakteristischen Duftspuren zu "ihrem" Strand. Die wichtigsten Niststrände für die Lederschildkröte liegen an der pazifischen Küste Mexikos, sowie an de Karibikküste von Costa Rica, und der Atlantikküste von Französisch-Guyana sowie in Papua, Neuguinea. Ferner gibt es Brutgebiete in Florida, auf Jamaica, in Nicaragua und der Westküste Südafrikas, sowie in Sri Lanka und Indien. Auch ausgewählte Strände in Thailand, Malaysia und Australien steuern die großen Reptilien an.

Doch der weltweit zunehmende Strandtourismus bedroht auch ihre Nistplätze. Die Vielzahl der Bedrohungsfaktoren haben sich schließlich aufsummiert: nun, so scheint es, steht ihrer Art der endgültige Garaus bevor. Zehn, höchstens zwanzig Jahre Überlebenszeit geben die Forscher der urtümlichen Tierart.